Leseprobe Noel far ajin Chessplayer

 

Hier eine Leseprobe aus dem Rooman "Noel far ajin Chessplayer", der unter "Romane näher vorgestellt wird

1.

 

Der dichte, nasse Schneefall bog sich in zerschlissenen Garben um die matten Straßenlaternen. Stein ging langsam mit vorgeneigten Schultern und gesenktem Kopf durch die sich kreuzenden Spuren, die auf dem Gehsteig wirre Zeichen bildeten.

 

gnä‘ her bitt‘ goa schen un mecht ersuch‘n mit vil kiss de hand weil mann ise gefolln fun lata bein oabeidn ise gutes man oba jets bein broch‘n un hom unsare finf kinda nix zun essn. mecht scho sea bitt‘n und kiss di hand, eua gnod‘n, mir wollen geb‘n a bissi geld fia essn fia kinda, die kleine, ausgemergelte Frau hatte ununterbrochen die gefalteten Hände Stein etwas erhoben entgegengehalten, die Unterarme an ihren flachen Oberkörper gepresst, nur die ineinander verkrampften Finger waren ihm manchmal ein wenig entgegengekrochen. Stein hatte auf sie gestarrt und hatte sich des Gefühles eines durch Ablehnung und Ekel verkrüppelten Mitleides nicht erwehren können. Der säuerliche Schweißgeruch ihres dünnen, abgewetzten schwarzen Kleides schwappte über seinen Schreibtisch in einer körperlich sichtbaren, entrinnenden Welle, er hatte den zerknüllten Papierfetzen in die Hand genommen, hatte begonnen ihn zu lesen gnä her bitt goa schen, er hatte versucht, in ihren Augen irgendeinen Ausdruck zu erkennen, aber sie waren stumpf geblieben und er hatte gesagt, sie solle morgen wiederkommen, dann wäre Herr Jantscher wieder hier und er würde ihm ihren Fall vortragen. Sie war langsam aufgestanden, hatte den Blick gesenkt und hatte ihre Finger entkrampft. Sie hatte den verwaschenen Wollschal um ihre mageren Schultern gelegt und verharrte einige Sekunden völlig regungslos. Dann hatte sie sich mit einer eckig abgebrochenen Bewegung vorgeneigt, hatte Steins rechte Hand ergriffen, hatte sie einige Zentimeter hochgehoben, hatte sich hinuntergebückt und sie geküsst. Er war erstarrt und das Schamgefühl, das als fremdes Wesen aus ihr in ihn glitt, hatte ihn gezwungen, ihr mit der linken Hand über die strähnigen, strohig harten Haare zu fahren. Ihre Augen waren immer noch leer als sie zurücktrat und sagte gnä Hea, kiss die Hand. Er hatte sich steif aufgerichtet und es vermieden, ihr nachzusehen. Als er das Schließen der Türe gehört hatte, hatte er den Papierfetzen genommen, ihn links neben sich gelegt, hatte den obersten Bogen des weißen, glatten Papierstapels, der in der Pappschachtel rechts vor ihm auf dem Schreibtisch lag, ergriffen und hatte seine Feder in die Tinte getaucht.

 

Der eisige Wind prallte in blockigen, harten Stößen gegen ihn, er hob den Blick nicht vom Boden und er versuchte die Fußspuren vor ihm zu entschlüsseln, aber das ineinanderverhakte Abspiel sinnentleerter Wortfetzen verformte sich in seinem Gehirn zu einer grobschlächtigen, gesichtslosen Gestalt und er empfand hilflose Angst vor der Einbildung, diese Gestalt würde mit schweren, schlurfenden Schritten hinter ihm herstolpern. Neben ihm schwamm das teigige Licht eines breiten Fensters vorbei. Er sah unter dem Rand des Hutes hervor und eine Hand kroch nach einer Kaffeetasse, der daneben liegende kleine Löffel sog schnell und übergangslos das Gelb einer Zündholzschachtel auf und ließ es im schlanken Stiel eines Weinglases versickern.

 

Er stieß die Türe auf und betrat das Café Ariane. Seine Lunge füllte sich in einer ihm sichtbaren Bewegung des Einsaugens mit warmer, stickig verrauchter Luft. Er hielt inne, öffnete seinen Mantel und atmete flach ein und aus. Im langgestreckten Raum vor ihm verwandelten sich die Schemen der an ihren Tischen Sitzenden von Starre zu Untotsein, von aufflackernder Lebendigkeit zu einem Zerrinnen in Gesten und Mimik, Joschi eilte mit dem hocherhobenen Tablett schnell und entgleitend vor dem sich unter dem schwarzen Jackett abzeichnenden Buckel her, der ihm von den Spiegeln an der rechten Seite in abgehackten Sprüngen entgegengeworfen wurde. Stein hing seinen Mantel an einen der Haken neben der Türe, Przegalek und Seidensticker kamen ihm entgegen und Seidensticker sagte:

 

„Der Thorn kann sich erschießen!“

Stein nahm den Hut ab, Joschi lief an ihm vorbei und am zweiten Tisch rechts unter dem ersten Spiegel sah Grünbaum auf und winkte ihm zu. Stein hing den Hut über seinen Mantel und die Worte, die er in seiner schönen, weitausholenden Schrift langsam auf das weiße Papier gezeichnet hatte, quälten ihn durch ihre Klarheit

 

Euer Hochwohlgeboren!

Meine Notlage zwingt mich, Sie um Ihr Verständnis und Mitleid zu bitten. Mein Mann ist bei seiner Arbeit als Maler von der Leiter gestürzt und hat sich das Bein gebrochen. Leider war es mir nicht möglich, eine kleine Geldreserve für solche unerwarteten Schicksalsschläge zurückzulegen, so dass ich nicht in der Lage bin, für meine fünf Kinder morgen wenigstens ein Stück Brot zu kaufen

 

aber die über das Papier hingleitende Kalligraphie schien zu flüstern

 

O Herr, du Gerechter, ich nehme deine Heimsuchung in Demut an, denn auch sie ist nichts als Deine ausgeschüttete Gnade

 

aber die Kinder haben nichts zu essen

 

gnä‘  hea mecht scho sea bitt‘n und kiss di hand

 

Der Tisch neben der Kleiderablage war unbesetzt, am Fensterplatz saß ein alter Mann und blätterte in einer polnischen Zeitung, Stein ging an ihm vorbei und betrat den dahinterliegenden, großen Raum.

 

Die tiefhängende Lampe warf ihr grelles Licht über das Gesicht Tarassowers, dessen jugendliche Glätte im Nachdenken zerfurcht war. Er hatte den Kopf in die Ellbogen gestützt und seine Hände waren in den dichten, gekräuselten schwarzen Haaren vergraben. Baron Rothfels sah auf ihn hinunter, er verzog die Lippen zu einem schnell vergehenden Lächeln des Triumphes, dann starrte er wieder auf die Figuren des Brettes. Schenker saß entspannt zurückgelehnt vor Tarassower, die Arme vor der Brust gekreuzt, das Kinn auf die Brust gedrückt. Seine hohe Stirn, von einem wirren Haarkranz umstanden, sprang aus dem Lichkegel hervor, die starken Backenknochen verflachten in den Schatten und gingen mit einer dunklen, sichelförmigen Schwingung in den buschigen Schnurrbart über. Hinter ihm stand Thorn-Hohenstein, sein schweißnasses, bleiches Gesicht war angespannt und verzerrt. Seine Lippen zuckten, er drehte sich um und ging weg.

 

Die Figuren auf dem Brett verwirrten sich in Steins Blick. Er sah immer noch die abwärtsgepeitschten Strähnen des Schnees durch den Laternenschein fallen, die verkrampften Hände der abgehärmten Frau schoben die Schachfiguren ziellos hin und her und plötzlich lächelte er. Das Ornament des Spieles zeigte übergangslos eine ruhige, friedvolle Schönheit, die sich selbst darstellte und unzerstörbar bleiben würde. Er verließ den Raum, ging an dem alten Mann vorbei, der die Zeitung zusammengefaltet hatte, den Löffel auf die Untertasse legte und Joschi zuwinkte, der gerade zu den Schachspielern eilte. Der Kellner rief ihm zu komme gleich, Herr Doktor und die Eingangstüre öffnete sich. Zwei junge, zu auffällig geschminkte Frauen traten ein. Ihre Hüte, die dicken Wollumhänge und die Röcke der langen Kleider waren schneeüberstäubt und die ältere, hagerere sagte leise:

 

„A Scheißwedda, z' koit und z' fü Schnee, i hoss des!“ (Ein Scheißwetter, zu kalt und zu viel Schnee, ich hasse es!)

 

Am letzten Tisch vor dem Eingang zur Küche blieb Stein stehen, er vermied es, in den daneben hängenden Spiegel zu sehen, setzte sich langsam und legte die Arme auf die Marmorplatte. Am Tisch vor ihm saßen drei ältere Männer mit langen Haaren und Bärten, breitkrempige Hüte auf den Köpfen, sie waren schwarz gekleidet und einer sagte:

 

„Ech hob nischt kajn Geld far a Mezie!“ (Ich habe kein Geld für einen Gelegenheitskauf!)

 

Der Angesprochene lachte auf.

 

„Wemenem sogst du dos, Berditschewer, oba a Mezie is a Mezie.“ („Wem sagst du das, Berdischewer, aber eine Mezie ist eine Mezie.“)

 

Berditschewer wiegte zweifelnd den Kopf hin und her.

 

„Rebstock, wos du mechtest nemen is a Chuzpe, ech mecht koifen, oba ech muss klären.“ (Rebstock, was du verlangst ist eine Frechheit, ich möchte kaufen, aber ich muss es mir noch überlegen.“

 

Joschi kam mit einem Tablett, auf dem sich zwei Schinkenbrote, drei Weingläser und ein großes Glas Milch befanden. Stein winkte ihm verstohlen zu und Joschi neigte sich zu ihm hinunter.

 

„Joschi“, sagte Stein leise, „nehmen Sie lieber das Glas Milch vom Berditschewer in die Hand!“

 

Joschi sah ihn verblüfft an, dann grinste er schief.

 

„Ich versteh' Sie, Herr Stein. As mecht sajn, Gott soll abhiten, nischt koscher“. (Es könnte, um Gottes willen, nicht koscher sein.)

 

Er ließ das Tablett sinken, nahm das Milchglas in die linke Hand und eilte zum vorderen Tisch. Stein sah wieder den leeren, weißen Papierbogen, der sich unaufhaltsam mit unentzifferbaren Zeichen füllte. Ise gefoll‘n vun lata bein oabeid‘n aber du bist begnadet, die Melodie der Natur zu hören, jedes Lied einer Blume, der Gesang der Bäume sprechen mit dir und steigen auf zu Ihm, und dir ist die Anerkenntnis geschenkt, das Erkennen gegeben, die Schönheit und Süße dieses Liedes zu erfühlen un hob‘n unsare finf kinda nix zun ess‘n und so bist du durch die Beglückung gesegnet in einsamem Wandern über die Wiesen und Felder hin Ihm durch deine Dankbarkeit zu dienen

 

Stein sprang auf, am Nebentisch griff Berditschewer nach seinem Milchglas, der dritte Mann, der bisher geschwiegen hatte sagte Jakub is a ganew, Jakub is nischt a ganew, soll sajn kapore far mech, (ob Jakub ein Gauner ist oder nicht, ist mir gleichgültig), Stein lief mit hastigen Schritten vorbei, am ersten der drei vorderen Tische auf der rechten Seite, deren Fenster schon mit den schweren Vorhängen verdeckt waren, saßen drei Leutnants und rauchten, einer zerdrückte zornig seine Zigarette im Aschenbecher und sagte der Cholschitsky, dieses Schwein, muss betrügen, so gute Karten gibt es gar nicht, wie der immer hat; die beiden Frauen saßen jetzt am Tisch neben der Türe, zwischen ihnen Thorn - Hohenstein, der einen Cognacschwenker mit der rechten Hand umkrampfte und die Flüssigkeit zittrig herumschwenkte, sein bleiches, verlebtes, aber immer noch ebenmäßig hübsches Gesicht war schweißnass; die Jüngere sah auf und lächelte Stein zu, ihre vollen Lippen öffneten sich leicht und für einen Augenblick stand ein Anhauch kindlicher Offenheit als fremdes Zeichen in der harten Gewöhnlichkeit ihres breitflächigen Gesichtes, das dennoch eine verkrüppelte Schönheit zeigte, deren Verfall schon zu erahnen war. Sie winkte Stein zu und rief lachend:

 

„Steinchen, setz´ di hea zu uns!“

 

Er blieb leicht vorgeneigt vor ihrem Tisch stehen und schüttelte den Kopf. Sie sah ihn an, ließ die Hand sinken und sagte dann, immer noch lachend, zu Thorn- Hohenstein:

 

„Du muasst wissn, Rudi, da Stein is da anzige Mann in Wean, dea a Angst voa mia hot, oba ea is liab, i mog eam.“ (Du musst wissen, Rudi, dass der Stein der einzige Mann in Wien ist, der Angst vor mir hat, aber er ist lieb, ich mag ihn.)

 

Sie wandte sich ab, griff nach ihrem Weinglas und stieß mit dem Grafen an. Stein hatte verlegen gelächelt und ging weiter. Der Mann am Fenster war gegangen, die Zeitung lag auf dem Tischchen und die Buchstaben bildeten ein ebenso sinnloses Gekritzel auf dem Weiß des Papieres, wie es seine Schrift getan hatte, die Straßenlaterne, die Stein im Näherkommen sah, verschwand nach seinem nächsten Schritt hinter dem grünlichen Vorhang und warf in die dunkle Schaufensterauslage des Hutgeschäftes auf der anderen Straßenseite einen scharfen Lichtkeil, der die stoffumwickelte Schneiderpuppe in erstarrt aufglimmendes Rot und entsinkendes Violett zerschnitt. In schnellen Strichen flackerte das Gespinst einer Straußenfeder über den Bogen einer Hutkrempe, ein gelber Seidenschal stieß an die Dunkelheit und versank in der Gestaltlosigkeit ineinanderverdrehter, körperloser Formen.

 

Vor dem Schachraum standen der Baron und Schenker. Als Stein an ihnen vorbeiging, sagte Schenker:

 

„Wir haben den Tatarensturm aus dem Osten zurückgeschlagen!“

 

Baron Rothfels lächelte, strich sich über den Bart und zog eine Zigarre aus der Brusttasche.

 

„Das habe ich auch von Ihnen erwartet, lieber Meister. Die Überheblichkeit dieses jungen Menschen, der glaubt, die Kunst des Schachspieles bestehe in wilden Gemetzeln, musste einmal

zurechtgestutzt werden.“

 

„Die wahre Weisheit jeder Kunst besteht in der Gelassenheit, mit der man seine Linien arrangiert, auf die Fehler des Gegners wartet und dann blitzschnell zuschlägt, das hat uns Steinitz gelehrt. So ist es ja wohl in Ihren Geschäften auch, Herr Baron.“

 

Rohtfels lachte kurz und trocken auf.

 

„Wie recht Sie haben, Schenker, wie recht Sie haben.“

 

„Ich verstehe den Thorn-Hohenstein nicht,“  sagte Schenker, „die Wette mit Ihnen wird der endgültige Ruin für ihn sein. Er könnte einem beinahe leidtun.“

 

„Verschwenden Sie ihr Mitleid nicht an einen solchen Idioten, Schenker. Ich lade Sie auf ein Glas Champagner ein. Tarassower kann die Partie aufgeben. Wenn er weiterspielt, ist der Rest nur mehr eine Hinrichtung.“

 

Sie setzten sich an einen Tisch und Stein betrat den Raum. Tarassower saß vor dem Brett und starrte auf die Figuren. Er hatte seinen Zug noch immer nicht gemacht, er fuhr sich mit einer fahrigen, abgehackten Bewegung über das schweißnasse Gesicht, hob den Blick, sah Stein kurz an und stand dann abrupt auf. Er trat hinter den Sessel und packte die Lehne mit verkrampften Händen. Seitab standen die beiden Meister Grünbaum und Rubinstein und flüsterten miteinander. Rubinstein hatte noch Mantel und Hut an, die Tropfen des schmelzenden Schnees sogen

sich in den dunklen Stoff und Stein war wieder von der Klarheit der Stellung bewegt. Er wollte Tarassower zulächeln, aber dessen verzweifeltes, verzerrtes Gesicht hielt ihn davon ab. Er drehte sich schnell um und eilte hastig zu seinem Platz zurück. Als er sich setzten wollte, ging Tarassower an ihm vorbei zur Toilette. Stein lief ihm nach.

 

„Ich beglückwünsche Sie zu ihrer wunderbaren Partie. Die Falle, in die Sie Schenker gelockt haben, ist von einer bewundernswerten Eleganz.“

 

Tarassower drehte sich Stein zu, nackte Wut im Gesicht. Er beherrschte sich mühsam und sagte dann leise mit gepresster Stimme:

 

„Wollen Sie sich über mich lustig machen?“

 

Stein trat erschrocken einen Schritt zurück und senkte den Blick.

 

„Aber Meister, wie könnte ich es wagen. Sie haben doch diese Partie und damit den Wettkampf gewonnen!“

 

Tarassowers Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, er machte eine verächtliche Handbewegung und sagte dann scharf:

 

„Stein, sie sind ein Trottel!“

 

 

DIAGRAMM

 

Weiß: a3 b4 g2 h3 Lb2 Te1 Dh5 Kh2

Schwarz: a7 b6 f7 g7 h6 Lb7 Td2 De2 Kg8

 

Tarassower - Schenker, fünfte Wettkampfpartie, Wien 1907

 

Stein wollte antworten, aber Tarassower ging schnell auf die Toilettetüre zu. Stein setzte sich langsam nieder, nahm den Löffel und rührte in seinem schon kalten Kaffee herum, den Joschi, ohne zu fragen, gebracht hatte, weil Stein nie etwas anderes als einen kleinen Braunen trank. Er erinnerte sich wieder an die Frau, die mit gefalteten Händen vor ihm gesessen war. Vor seine Augen trat aber nur ein Bild, das keinen lebendigen Menschen zeigte, es war lediglich ein Puzzlewerk aus Einzelsplittern, die sich in seiner Erinnerung nicht zusammenfügen ließen. Die verkrampften Finger schlangen sich um die Finger Tarassowers, die in seinen Haaren vergraben gewesen waren. Der stumpfe, empfindungslose Blick der Augen verschmolz mit den Strähnen ihrer Haare und die Bewegung, mit der sie seine Hand ergriffen hatte, war von ihr losgelöst, so als ob nicht sie selbst dann ihre Lippen auf seine Hand gedrückt hätte, sondern irgendeine andere Frau, gestern, vor Jahren, oder so, als ob es nie geschehen wäre und nur sein Schamgefühl wäre das einzige, was diese Frau noch darzustellen vermochte. Der erste Buchstabe, den er auf das Weiß des Bogens geschrieben hatte, löschte sie, ihre Kinder und den Mann aus und hatte ihr Leben in die Hast, mit der er das Papier gefüllt hatte, überführt. Jantscher würde morgen auf seinem fleckigen, zerfurchten Schreibtisch lediglich nur mehr eine Bitte um etwas Geld sehen, ohne von den gefalteten Händen der Frau jemals etwas zu wissen. Stein trank den kalten Kaffee und schrak auf, als sich Tarassower zu ihm herunterneigte und stockend fragte:

 

„Was...was wollten Sie vorher sagen, Stein?“

 

„Was meinten Sie, Meister?“ Stein hatte, aus seinen Gedanken herausgerissen, die Frage überhört.

 

„Ich kann keinen Gewinnzug sehen und Sie haben von einer Falle gesprochen, Stein.“

 

„Turm e8!“

 

Tarassower richtete sich heftig auf, zerrte an seinem Hemdkragen und sagte dann zornig:

 

„Das Racheschach eines Amateurs!“

 

Er wandte sich ab und Stein sagte leise:

 

“Turm h8!”

 

Tarassower verharrte in der Stellung, in der Joschi mit dem Tablett vor Stein gestanden war. As mecht sajn nischt koscher, im gegenüberliegenden Spiegel war der Rücken Tarassowers als dunkler Scherenschnitt eingezeichnet, er öffnete den Mund, hob die Hand und lief dann mit schnellen Schritten den Gang zwischen den Tischreihen entlang. Stein sprang auf und folgte ihm.

 

Die beiden Frauen und der Graf waren gegangen, der Baron und Schenker saßen am Tisch neben dem Schachraum vor einer Flasche Champagner und unterhielten sich heiter und angeregt. Sie verstummten gleichzeitig, als Tarassower an ihnen vorbeihastete, Rothfels nahm die Zigarre aus dem Mund und Schenker erhob sich mit einem triumphierenden Lächeln. Um das Brett standen Grünbaum, Rubinstein und fünf Amateure, die Stein kannte, weil sie beinahe jeden Abend hier waren und entweder selbst spielten oder die Meister bei ihren Partien und Eröffnungsanalysen beobachteten. Rubinstein liebte eine einfache, klare Spielanlage, er verteidigte sich gegen taktische Schläge eiskalt und zäh und seine Endspielbehandlung war genial und gefürchtet. Grünbaum spielte ähnlich, er versuchte aber immer wieder, seine Gegner im Mittelspiel in verschnörkelte Positionskämpfe zu verwickeln, die er oft mit überfallsartigen taktischen Schlägen beendete, er war Rubinstein aber an Genialität weit unterlegen. Tarassower war erst seit einigen Monaten in Wien, die alteingesessenen Meister sahen mit einer Mischung aus Abwehr, Verachtung, Vorsicht und Respekt auf ihn. Er war noch jung, und so wie ein Dichter immer als Lyriker beginnt, mit einer Flucht aus der Wirklichkeit in Schönheit und das Versinken in die eigene Seele, so beginnt die Auflehnung eines jungen Spielers gegen die alten Meister mit Aggression und Neuerungsversuchen. Tarassower überraschte seine Gegner immer wieder durch Eröffnungen, in denen er als zweifelhaft verschriene Varianten spielte und sie mit verblüffenden neuen Ideen kombinierte. Das führte oft zu viel bestaunten Siegen, brachte ihm aber auch Niederlagen ein, die an Lächerlichkeit grenzten und ihm den unverhohlenen Hohn der Alten eintrugen. Im Mittelspiel stürzte er sich bei der kleinsten Möglichkeit, die ihm sein Gegner bot, in wilde taktische Schläge, die zu unklaren, verwickelten Stellungen führten, in denen er sich wie ein Fisch im Wasser fühlte. Gegen einen Rubinstein war er noch chancenlos, Grünbaum hatte er aber schon besiegt. Schenker war vor einem Monat in einem als Wiener Meisterschaft ausgeschriebenen Turnier, das der Baron finanziert hatte, als Sieger vor Rubinstein hervorgegangen. Sein Stil war vorsichtig, immer darauf bedacht, die Remisgrenze nicht zu überschreiten, es fehlten ihm Feuer und Genialität, die er durch Geduld und Zähigkeit ersetzte. Er hatte seine beiden Partien gegen Rubinstein remisiert, wobei die zweite die letzte des Turnieres war, bei einem Sieg wäre Rubinstein Meister geworden, er hatte aber im Endspiel einen Gewinnzug übersehen, weil ihn Schenker dauernd mit kleinen, boshaften Mätzchen gereizt hatte, die Rubinstein völlig aus der Konzentration gerissen hatten. Rubinstein hasste Tabakrauch und Alkohol und nachdem bei diesem Turnier weder das Rauchen noch das Trinken verboten war, hatte Schenker ununterbrochen entweder mit seiner Zigarre herumhantiert oder Rubinstein den Rauch ins Gesicht geblasen, oder er hatte sich bei Joschi ein Viertel Wein bestellt, hatte daran genippt, es abservieren lassen und neuerlich bestellt. Die wütenden Proteste Rubinsteins beim Turnierleiter Seidelmann, einem ruhigen, liebenswerten aber schon etwas senilen Herren, der selbst einmal ein guter Spieler gewesen war, hatten lediglich zu einer freundlichen Ermahnung Schenkers geführt, die vom Baron, der die kühle, distanzierte Art Rubinsteins nicht mochte, mit einem breiten Grinsen unterstrichen worden war. Seither weigerte sich Rubinstein, jemals wieder mit Schenker zu spielen und Grünbaum hatte bisher vergeblich versucht, die beiden zu versöhnen, denn auch Schenker war beleidigt, weil Rubinstein ihn vor anderen Meistern als unfairen Nichtskönner und Feigling beschimpft hatte, der ihm den Titel gestohlen hätte. Der Baron, ein Spielfanatiker, der Bridge, Poker und Tarock meisterhaft beherrschte, aber selbst ein miserabler Schachspieler war, wollte einen Wettkampf zwischen den beiden Streithähnen arrangieren, es war ihm aber nicht einmal durch ein geradezu absurd hohes Preisgeld gelungen, die beiden vor ein Schachbrett zu locken. Grünbaum, der Tarassower gegenüber eine beinahe väterliche Freundschaft empfand, was sich am Brett eigenartigerweise in einer Verbissenheit zeigte, die schon fast an Hass grenzte, hatte die Idee gehabt, einen Wettkampf zwischen dem neuen Wiener Meister und dieser Tatarengefahr aus dem Osten, wie es der Baron selbst ausgedrückt hatte, zu arrangieren.

 

In der ersten Wettkampfpartie hatte dieser wilde Ansturm der Jugend gesiegt. Tarassower hatte im vierzehnten Zug ein Springeropfer gebracht, das nicht korrekt gewesen war, das allerdings hatten erst die Analysen von Rubinstein, Grünbaum und ihm selbst ergeben und Schenker war dieser Herausforderung am Brett nicht gewachsen gewesen. Die beiden nächsten Partien endeten remis, wobei Tarassower in der dritten ein schon beinahe verlorenes Endspiel in bester Rubinsteinmanier überstand und die vierte endete nach einem weiteren wilden Opfer in einem Desaster. Die fünfte, deren Endstellung jetzt auf dem Brett zu sehen war, musste also über den Wettkampf entscheiden. Es schien für Tarassower, der Weiß hatte, katastrophal auszusehen und seltsamerweise hatte nur Stein den verborgenen Gewinnzug erkannt. Tarassower, sonst ein Meister der Kombination, hatte als junger Spieler dem psychischen Druck seines ersten großen Wettkampfes nicht standgehalten und war wie terrorisiert vor der Stellung gesessen.

 

Die um das Brett Herumstehenden traten zur Seite, als Tarassower hereinstürmte und sich neben das Brett stellte. Er war jetzt gelassen, beinahe heiter und als Schenker, ebenso wie er, neben dem Brett stehenblieb, richtete er sich auf und fixierte ihn mit einem zornig verzerrten Lächeln. Der Baron war ebenfalls hinzugekommen, er nahm die Zigarre aus dem Mund und sagte gönnerhaft:

 

„Haben Sie endlich Ihren Zug gefunden, Herr Tarassower? Wollen sie nicht lieber aufgeben?“

 

„Mitnichten, Herr Baron. Ich habe die Absicht, diese Partie zu gewinnen!“, antwortete Tarassower in seinem korrekten, aber hart akzentuierten Deutsch und zum erstenmal, seit Stein ihn kannte,

huschte ein bubenhaftes, fröhliches Lächeln über sein ernstes Gesicht. Er griff langsam nach seinem Turm, setzte ihn nach e8 und sagte betont laut:

 

„Schach!“

 

Schenker, der sich ebenfalls nicht hingesetzt hatte, sah ihn verächtlich an und sagte, auch sehr laut, mit einer höhnischen Verneigung:

 

„Danke, dass sie mich auf Ihr Schachgebot aufmerksam gemacht haben, ich hätte es beinahe übersehen!“ und zog er seinen König nach h7.

 

Der Baron schüttelte den Kopf und nahm die Zigarre aus dem Mund.

 

„Und über dieses Racheschach haben Sie solange nachgedacht, Herr Tarassower?“

 

Der junge Mann antwortete nicht sofort, er suchte den Blick Steins und sein vorsichtiges Lächeln schien diesen um Verschwiegenheit zu bitten. Rubinstein drehte sich verärgert um und verließ den Raum. Grünbaum wirkte verlegen und peinlich berührt, er sah, wie alle anderen ebenfalls, dass der Baron Tarassower demütigen wollte. Er mochte Schenker nicht, dessen uninspiriertes, pragmatisches Spiel war ihm, der so wie Rubinstein, an neuen Eröffnungen arbeitete, in seiner Einfallslosigkeit ein Gräuel und er hatte gehofft, dass Schenker gegen den kraftvollen, wenn auch zu oft noch unkontrollierten und zu heißblütigen Stil des jungen Mannes unterliegen würde. Die Tatsache, dass sich das solide Mittelmaß wieder einmal gegen die Genialität durchgesetzt hatte, schmerzte ihn und er wandte sich zum Gehen.

 

Tarassower streckte die Hand nach dem Turm aus, drehte sich dem Baron zu und sagte:

 

„Ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit, Herr Baron!“

 

Dann ergriff er die Figur und bewegte sie, hoch über dem Brett, langsam auf h8 zu. Rothfels, als schlechter Spieler, begriff die Kombination nicht und wollte scharf antworten, aber Schenker hatte Tarassowers langsame Handbewegung wie hypnotisiert verfolgt und als der Turm mit einem harten Knall aufgesetzt wurde, fiel er mit einer eckig nach rechts abgebrochenen Verkrampfung des Oberkörpers auf seinen Sessel. Er zog den rechten Arm nach und fegte die neben dem Brett liegenden, bereits geschlagenen Figuren auf den Boden. Fleischhacker, ein begabter Amateur, der oft, wenn keiner der anderen Meister anwesend war, Rubinstein und Grünbaum als Trainingspartner diente, schrie auf:

 

„Wahnsinn!“

 

Er erschrak und presste erschrocken die Hand auf den Mund. Grünbaum, der schon unter der Türe stand, drehte sich um und eilte herbei. Rubinstein hatte sich mit wütendem Gesicht an den Fensterplatz gesetzt, er hatte Fleischhackers Aufschrei gehört, sprang auf, wobei er das Glas Wasser, das Joschi noch nicht abgeräumt hatte, umwarf und rannte herein. Er rempelte Fleischhacker zur Seite und starrte, neben Grünbaum stehend, auf das Brett. Dann hob er den Blick und sah Tarassower an, der an die Wand zurückgetreten war und sich mit vor der Brust gekreuzten Armen dagegenlehnte. Das Gesicht des jungen Mannes war immer noch von der Anspannung des Spieles gezeichnet, aber er versuchte nicht, sein Triumpfgefühl und seine Erleichterung zu verbergen.

 

Rubinstein schüttelte den Kopf und sagte dann laut, ohne darauf zu achten, dass die Zuschauer bei einer Wettkampfpartie absolutes Schweigen zu bewahren hatten, zu Grünbaum:

 

„Das habe ich nicht gesehen! Ich bin ein Idiot!“

 

Grünbaum zitterte vor Erregung und murmelte immer wieder vor sich hin:

 

„Fantastisch! Fantastisch!“

 

Schenker, dessen Gesicht plötzlich schweißnass und verzerrt war, sprang abrupt auf, lief aus dem Raum und ging draußen mit schleppenden Schritten auf und ab. Tarassower löste sich von der Wand, trat an das Brett und wies stumm auf die Stellung. Seine Geste war ungeschickt und kindlich, so als ob er sagen wollte: da schaut her, ihr habt alle nicht an mich geglaubt und jetzt habe ich es doch geschafft. Grünbaum, der auf der anderen Seite des Tisches stand, lief um ihn herum und umarmte Tarassower.

 

„Du hast es geschafft, Tara! Du hast es geschafft!“

 

Rubinstein streckte die Hand über das Brett, Tarassower drehte sich von Grünbaum weg und ergriff sie.

 

„Gratuliere, Tarassower, eine elegante Kombination“

 

Im Gesicht des Älteren mischten sich Bewunderung, aber auch Unbehagen und ein Anhauch von Neid. Der Baron hielt die erloschene Zigarre in der Hand und sah verständnislos von einem zum anderen. Dann sagte er zornig zu Rubinstein:

 

„Würden Sie mir erklären, Rubinstein, was das ganze Geschrei soll? Ich sehe nur, dass Tarassower sinnlos seinen Turm geopfert hat!“

 

Rubinstein genoss den Triumpf des Kenners, der mit der Verständnislosigkeit eines Amateurs konfrontiert ist, er hatte aber auch seinen eigenen Fehler in der Partie gegen Schenker noch immer nicht überwunden und empfand Tarassowers Sieg auch als seine persönliche Revanche. Er zeigte auf Schenker, der draußen immer noch auf und abging.

 

„Er weiß, dass dieses Opfer nicht sinnlos war, die Partie ist verloren, Matt in zwei Zügen.“

 

„Meine Herren, meine Herren!“, Grünbaum hob abwehrend die Hände. „Bitte, meine Herren, keine vorzeitigen Analysen, ich ersuche um Korrektheit, Schenker hat die Partie noch nicht aufgegeben!“

 

Rubinstein zog sich mit einem verächtlichen Aufbrummen in den Hintergrund zurück, der Baron sah verwirrt von einem zum anderen und begann dann umständlich, seine erloschene Zigarre wieder zu entzünden. Tarassower hatte sich ruhig vor das Brett gesetzt und ließ seine Blicke über die Figuren schweifen. Stein setzte sich an den Nebentisch und fuhr gedankenverloren mit der flachen Hand über den grünen Filzbelag. Diese Stellung, die ihn durch ihre klare Schönheit bewegt hatte, erschien ihm jetzt sinnentleert, beinahe idiotisch. Die kühle, in sich selbst ruhende Stille vor dem ersten Turmzug Tarassowers war zerstört, sie hatte sich aus der reinen Darstellung, die wie ein Kunstwerk gewesen war, gelöst und war in ein wirres Gefüge von Schachfiguren zerfallen, das lediglich nur mehr über Sieg oder Niederlage entschied.

 

Nichts als eine Stellung, die sich kaum mehr von einer dümmlichen Amateurpartie unterschied, wo einer der Spieler zwei Züge lang ein einzügiges Matt übersah. Er empfand Traurigkeit, weil es in diesem Augenblick, als er zum erstenmal vor dem Brett gestanden war, sein eigenes Spiel gewesen war; nicht die fünfte Wettkampfpartie Tarassower gegen Schenker, von Baron Rothfels mit einem Preisgeld versehen; nicht das Spiel zweier Spieler, die sich gegenübersaßen, ihren persönlichen Kampf austrugen, jung gegen alt, Genialität gegen starres Mittelmaß, der Meister gegen den anstürmenden Unbekannten; dazwischen immer wieder das Aufflackern der Gefühle, Genugtuung, drei Züge später Verwirrung, Nachdenken, Lösung des Stellungsproblemes, Fehler, Verbissenheit, Ärger, Hass und zuletzt wilder, berauschender Triumpf. In der reinen Schönheit war nichts Menschliches gewesen, sie war sie selbst in ihrer eigenen, nichtmenschlichen Welt gewesen und jetzt war diese von allem weit getrennte Reinheit für immer zerstört. Er stand auf und Schenker kam herein.

 

Tarassower erhob sich, Grünbaum trat einen Schritt zur Seite, Rubinstein blieb sitzen, er strich sich über seinen dichten, weißen Bart und verbarg seinen Mund hinter der Hand, nur in seinen Augen war die tiefe Genugtuung, die er empfand, zu erkennen. Schenker hielt den Blick gesenkt, er nahm seinen König, drehte die Figur in den Fingern herum und legte sie dann mit einer heftigen Bewegung mitten auf das Brett. Er streckte die Hand aus, immer noch mit gesenktem Blick und Tarassower ergriff sie. Dann drehte sich Schenker abrupt um und lief mit hastigen Schritten aus dem Raum.

 

2.

 

Als Stein die Linke Wienzeile entlangging, hatte es zu schneien aufgehört. Es war kalt und der Schnee knirschte unter seinen Schritten. Er zog den Kopf ein, hob die Schultern an und ihn fröstelte. Die Häuser neben ihm ballten sich zu einer überhängenden Mauer zusammen, in deren tiefen Schrunden und Höhlungen zerhackte und zerrissene Schatten zu erstarrten Körpern festgefroren waren. Ihre wirren Verformungen wucherten über die Fassaden, sanken in die Dunkelheit der Fenster und Tore zurück, erfrorenes Geranke fiel ab, krallte sich um Säulen; zwei Steinblöcke, aus deren zerfallenen Sockeln sich verdrehte Muskeln durch tiefschwarze Kerben aufwärtswanden, zerbröckelten zu aufgerissenen Mündern und Augen und versanken im Kentern eines Balkons.

 

Stein sah Tarssowers Handbewegung, mit der er den Turm auf h8 gesetzt hatte, aber alle Gesichter zogen sich in Schemen zurück, die in teigigem Weiß dahinschwammen, lediglich die Worte klangen klar und eindringlich in ihm nach, Wahnsinn, ich bin ein Idiot, du hast es geschafft, die Züge, die Schenker nicht mehr ausgeführt hatte, spielten sich ununterbrochen in immer schnellerer Abfolge durch seine Gedanken, König schlägt Turm, Dame schlägt Bauer, König g8, Dame g7 matt, Tarassowers Hand zieht sich zurück, König Turm, Dame Bauer, König, Dame.

 

Die kalte Luft schnitt in seine Lunge, die kleine, verhärmte Frau, deren Mann von der Leiter gefallen war, ise gefolln fun lata, er hatte den genauen Wortlaut ihrer mit Bleistift, mit einem schon stumpfen, eckig abgeschriebenen Bleistift hingekritzelten Zeilen vergessen, hatte sich übergangslos in eine der Schachfiguren verwandelt, werde ich verrückt, dachte er langsam, die Worte bewegten schwerfällig durch sein Gehirn, vielleicht ist es nur der Hunger, dachte er, aber er empfand keinen Hunger, ein kurzer Windstoß ließ ihn erschauern, er machte drei hastige Schritte zurück in einen Torbogen, für einige Augenblicke war er besänftigend von Lautlosigkeit umfangen, er fühlte Wärme

 

o dass du auf meine Worte hörtest

 

so wärest du von keiner Leiter gefallen

 

ob Jesaja wohl daran gedacht haben könnte, dass ein Mensch, der vielleicht doch auf seine Worte gehört hatte, drei Tage vor Weihnachten von einer Leiter fallen kann?

 

und der Erhabene, gelobt sei Er, sprach

 

ise gefolln fun lata

 

er stieß sich mit einem knurrenden Laut des Ärgers von der Holztüre ab und trat auf die Straße hinaus.

 

3.

 

Er schloss die Türe hinter sich, ging in der Dunkelheit die drei Schritte bis zum Tisch, tastete mit der rechten Hand vorsichtig über die rissige Holzplatte, fand die Zünder und das Licht der Kerze, das in der kalten Zugluft zitternd schwankte, stand wie ein hellerer, festgefrorener Schatten über dem Docht. Er ging zur Türe zurück, zog den Mantel aus, schüttelte die Schneeflocken ab und hing ihn an den Kleiderhaken, der an ihr festgeschraubt war. Dann nahm er seinen Hut ab, wischte mit der Hand darüber und setzte ihn wieder auf. Er nahm die oberste Decke vom Bett, legte sie sich um die Schultern und setzte sich an den Tisch. Er wickelte sich fröstelnd fester in die Decke, legte ein Blatt Papier vor sich, griff nach der Feder, legte sie verwirrt wieder hin und öffnete das Tintenfass. Die Stellung, die Tartakowers Partie vor dem ersten Turmzug gezeigt hatte, husche noch einmal durch seine Erinnerung, dann griff er wieder nach der Feder. Er tauchte sie ein und schrieb

 

I.

 

VON GOTT

 

  1. O dass du auf meine Worte hörtest, so wäre dein Friede sanft wie Meeresrauschen und deine Liebe klar wie das Licht der Sterne

 

  1. Ich habe dich allzeit geliebt, darum habe ich dich in Güte zu mir gezogen

 

  1. Denn wenn du mich mit ganzem Herzen suchst, so will ich mich von dir finden lassen

 

  1. Und so sage ich dir, o Menschenkind, ich will dein Verderben nicht, wenn du dich von mir abwendest - ich will, dass du mir anhangest und lebst

 

er legte die Feder weg, erhob sich, ging zum Bett, legte die Decke darauf und begann sich auszuziehen.

 

4.

 

Er trat an das weit geöffnete Fenster. Die kalte Morgenluft füllte die Gasse vor ihm mit einem harten Block, aus dem sein Blick ihm Fremdes herausschnitt. Die beiden schweren Brauereipferde, über deren Rücken Decken geworfen waren, deren Nüstern den Atem in körperhaften Gebilden

ausstießen, das Scharren der Hufe, Schnauben, und wieder die übergangslose Verschmelzung dieses Ablaufes mit dem Hochwerfen eines Kopfes, der Farbe des Schnees, der Unbewegtheit der Fässer auf dem Wagen; eine alte Frau, die vorbeischlurfte, einen kleinen, bellenden Hund hinter sich herzerrend; drei Spatzen, die sich auf einem Fenstersims um etwas Unsichtbares balgten; er schloss das Fenster und trat in den Raum zurück.

 

Er war traurig, weil er die Schönheit dieser Kombination nicht mehr als ihm geschenkte Schönheit zu empfinden vermochte, es war nichts mehr als nur eine Figurenstellung, die schon beim nächsten Zug zerstört werden würde. Er setzte sich an den Schreibtisch, der knapp vor dem Fenster stand und versuchte sich zu beruhigen. Es gelang ihm mühsam über den kindischen Automatismus eingelernter Bewegungsabläufe: Ausrichten des Papierstoßes, der immer parallel zur Tischkante liegen musste, auch nur eine leichte Abweichung bereitete ihm Unbehagen; ebenso musste die Löschwiege rechts neben dem Tintenfass stehen, das auch wieder genau an einen bestimmten Riss in der Tischplatte anzuschließen hatte. Er rückte diese Gegenstände millimeterweise hin und her, war sich der Lächerlichkeit seines Tuns bewusst, aber es half ihm, wieder ruhig und gelassen zu werden. Er lachte befreit auf, schüttelte verwundert den Kopf und schob dann das Tintenfass mit einer heftigen Bewegung der rechten Hand aus seiner althergebrachten Position.

 

Jantscher kam herein, verharrte, und sagte dann lachend:

 

„Stein, wos is‘n hait mit Ihna los? Des Tint‘nfassl steht jo foisch!“ (Stein, was ist denn heute mit Ihnen los? Das Tintenfass steht ja falsch!)

 

„Oh“, Stein schüttelte verlegen und peinlich berührt den Kopf. Er hatte nicht geglaubt, dass der Andere seine kleine Marotte erkannt hatte. „Oh, Verzeihung, da muss ich mich geirrt haben, es ist heute...“ er hob die Hand, um das Tintenfass zurechtzurücken, aber Jantscher kam einen Schritt näher und winkte, wieder dröhnend und laut lachend, ab.

 

„Lossn's es stehn, Stein! Lossn's es stehn, amoi wos andas. Is e imma olles gleich, draussd imma desöb‘n Weiba, imma desöb‘n Zettln vo Ihna, imma dessöbe blede Tegalwerk, jed‘n Tog. Is Ihna des net scho söba fad?“ („Lassen Sie es stehen, Stein! Lassen Sie es stehen, einmal etwas anderes. Sonst ist immer alles gleich, draußen immer dieselben Frauen, von Ihnen immer dieselben Zettel, jeden Tag immer dasselbe Einerlei. Ist Ihnen das nicht auch schon langweilig“?)

 

Die direkte Art Jantschers, seine vitale, wenn auch vielleicht primitive Fröhlichkeit, verwirrten Stein. Seine Reaktion darauf verletzte ihn wie jedes Mal, wenn der Andere laut, ohne auf die Wortwahl zu achten, lachend, die Daumen im Gilet verhakt, gravitätisch auf und ab spazierend, dahinredete und dabei oft, so wie gerade jetzt, in einem einfachen, unkomplizierten Satz nicht nur die Situation treffend beschrieb, sondern auch unwissentlich aussprach, was ihn, Stein, bewegte, was ihm weh tat. Armut, Einsamkeit, seine Verlassenheit

 

„Guat, i siach scho, Se san hait net sea gesprechig, Stein. A guat!“ (Gut, ich sehe schon, Sie sind heute nicht sehr gesprächig, Stein. Auch gut!)

 

Er lachte wieder laut auf, griff in die Innentasche seiner Jacke, nahm umständlich eine Virginier heraus, drückte an ihr herum, zog den dünnen Strohhalm heraus, steckte die Zigarre dann in den Mund und suchte die Zünder.

 

„Is‘ guat“, nuschelte er mit zusammengepressten Lippen, „olles leiwand. Drausst hock‘n e scho Ihnare Weiba, i wünsch‘ Ihna no fü Gschpass. I geh ummi in Gambrinuskölla auf a Achterl. Habe di Ehre, Herr von Stein!“ (Auch gut! Alles in Ordnung. Draußen sitzen schon ihre Weiber, ich wünsche Ihnen noch viel Spaß. Ich gehe hinüber in den Gambrinuskeller auf ein Achterl. Habe die Ehre, Herr von Stein!)

 

Der gutmütige Spott in den Worten Jantschers erheiterte Stein seltsamerweise. Er hat ja recht, dachte er, in meinem Leben ist 'olles leiwand', ich könnte ebenso draußen vor der Türe sitzen, mit einem Zettel in der Hand, ob ich dann auch 'bitt goa scheen, gnä Hea' schreiben würde?

 

Er lächelte, rückte das Tintenfass zurecht und sagte:

 

„Ich wünsche Ihnen auch viel Spaß im Gambrinuskeller. Auf Wiedersehen, Herr Jantscher!“

 

5.

 

Die Lampe, unter der gestern Tarassower und Schenker gesessen waren, hing festgefroren in ihrem eigenen Licht. Als sich Schenker mit überkreuzten Armen zurückgelehnt, Tarassower sich mit in den Haaren verkrampften Händen vorgeneigt hatte, war die Helligkeit blendend gewesen, wie kristallen geschliffen, und sie hatte sich in harten Facetten in den Raum geworfen. Vielleicht, dachte Stein, dass ich deswegen die Gewinnkombination erkannt habe. Vor dem Brett saßen Fleischhacker und ein ihm unbekannter, dunkelgelockter junger Mann mit tief gebräunter Haut. Stein sah auf die Stellung und sein Gehirn sagte

 

e4 – e5

 

f4 – e schlägt f

 

Springer f3 – g5

 

h4 – g4

 

Springer e5 Allgaier Gambit

 

um den Tisch standen noch zwei andere Amateure, die Stein vom Sehen her kannte, ihre Namen waren ihm aber entfallen, die restlichen Tische waren unbesetzt, noch war keiner der Meister anwesend, und der ihm näher Stehende flüsterte:

 

„Da hat Fleischhacker ein neues Opfer gefunden. Erst seit ein paar Tagen in Wien. Man sagt ein ungarischer Graf, aber alle ungarischen Grafen sind sowieso höchstens frischgebackene Barone, gleich wird er Läufer g7 spielen.“

 

Stein musste lächeln, er wird h5 spielen, dachte er und als der Andere beinahe gleichzeitig diesen Zug machte, drehte er sich um und verließ den Raum.

 

Wir sind alle nur Amateure und die großen Meister sind nur geniale Schachspieler, Chessplayers, wo habe ich nur dieses Wort gehört?, Englisch, eine eigenartige Sprache, zu guttural; kein trauriger Singsang wie Jiddisch, eine Amsel, die ihr Lied schmettern will und plötzlich traurig ist. Aber wann ist eine Amsel traurig? Wenn sie keinen Wurm gefangen hat?, meine Frauen, wie Jantscher immer spöttisch sagt, ich leide zu sehr mit ihnen mit, aber Mitleid ohne eine Handlung der Linderung ist auch nur verlogene Wehleidigkeit, oder billige Selbstberuhigung, denn ich bin ja nicht einmal il banchiere della misericordia, wie man Vasari genannt hat, ich bin nichts als ein schlechter Buchhalter der Verzweiflung, der Not anderer, ich übertrage ihre Zettel in korrektes Deutsch, ich schreibe auf  teurem Papier, eine sehr seltsame Marotte Jantschers, ich habe ihn einmal danach gefragt, aber als Antwort erhielt ich wieder nur einen seiner seichten Scherze und manchmal glaube ich, dass meine schöne Schrift eine Verhöhnung dieser Verzweiflung, der Notlage dieser Frauen ist.

 

Er blieb beim ersten Tisch nach dem Schachraum stehen und sah auf die drei Kartenspieler hinunter. Er liebte es, einfach nur die bunten Bildchen in ihren Händen zu betrachten, eigentlich völlig sinnlos, denn er verstand ihre Symbolik nicht, er hatte sich nie die Mühe gemacht, die Regeln des Illustrierten Tarocks zu erlernen, eigentlich hatte er es aus einer beinahe kindlichen Scheu heraus nicht getan, weil er den Zauber eines verborgenen Geheimnisses nicht hatte zerstören wollen. Er wusste, dass diese Verhaltensweise unlogisch, eigentlich unsinnig war, denn es gab kein Geheimnis zu bewahren und der Zauber hätte sich nur zu schnell als Automatismus eines Spieles demaskiert: höhere Karte sticht niedrigerwertige, Könige vier Punkte, Tarock sticht Farbe

 

Aber ise gefoll‘n fun lata musste sich nicht demaskieren, es hieß nichts als: Ein ungeschickter Mann, vielleicht war er auch betrunken gewesen, war von einer Leiter gefallen und nachdem er ein armer Hund war, nichts als ein Hackler, der mit seiner Hände Arbeit sein weniges Geld verdienen musste und wenn so wer von einer Leiter fiel, gab es kein Geheimnis, keinen Zauber, nur Hunger. Er drehte sich abrupt weg und ging hastig weiter.

 

Als er an seinem Tisch saß und widerwillig zwei kleine Schlucke des schon kalten Kaffees getrunken hatte, kam Joschi auf ihn zu, näherte sein Gesicht dem Steins und flüsterte:

 

„Haben Sie schon gehört, Graf Thorn-Hohenstein hat sich erschossen!“ Joschi schüttelte den Kopf, sein Gesicht verzerrte sich hasserfüllt. „Manche Leute haben immer Glück, selbst wenn sie verlieren müssten und unsereiner...“ er hielt inne, machte einen kleinen Schritt zurück, senkte den Kopf und sagte stockend, „Verzeihen Sie, das hätte ich nicht sagen sollen“, er kniff die Lippen zusammen und murmelte, schon im Weggehen, kaum hörbar, „aber wahr ist es doch!“

 

Er wäre beinahe mit einer jungen Frau zusammengestoßen, eine Unachtsamkeit, die Stein in all den Jahren, die er schon Stammgast war, noch nie bei ihm beobachtet hatte. Joschi entschuldigte sich, sie schien die ganze Szene nicht bemerkt zu haben und ging ruhig weiter. Sie verharrte unschlüssig neben der Stein gegenüberliegenden Sitzbank, ihr langes, glattes schwarzes Kleid zeigte steife, unbewegte Falten, der große, weiße Spitzenkragen ließ ihr Gesicht fein und wächsern über einem zarten, langen Hals schweben, sie schüttelte den Kopf, gab einen Laut von sich der wie kurzes, gepresstes Vogelzwitschern klang, dann legte sie ihre große, flache Ledertasche und den schwarzen Mantel auf die Sitzbank und ließ sich langsam niedergleiten. Als sie saß, hob sie den Kopf, sah Stein an, öffnete ihre Tasche und legte ein Heft und einen Bleistift vor sich.

 

Dann senkte sie den Kopf, faltete die Hände und presste die beiden hochstehenden Zeigefinger gegen die Lippen. Sie ließ die Hände sinken, griff nach dem Bleistift, öffnete das Heft und schrieb sehr schnell eine Zeile. Sie bewegte ihre Lippen murmelnd, strich dann zwei Worte aus, legte den Bleistift weg, verkrampfte die Hände und presste die Lippen zusammen. Ihre Augen bewegten sich langsam hin und her, sie starrte Stein kurz an, nahm den Bleistift und schrieb über das erste der durchgestrichenen Worte ein anderes.

 

Stein lachte kurz auf und sagte leise, nur so vor sich hin

 

„Heinrich von Bloy!“

 

Sie hob den Blick und fragte tonlos, aus ihren Gedanken gerissen:

 

„Was? Wie?“

 

„Oh, entschuldigen Sie, ich wollte...ich habe nur laut gedacht. Ich wollte nicht stören, dieser Engel...“ er stockte verwirrt. Sie hatte ihn, während er gesprochen hatte, unverwandt angesehen. Ruhig, geduldig, aber so, als ob ihre Gedanken weit an den gehörten Worten vorbeiziehen würden. Er hatte das bedrängende Gefühl, sich lächerlich gemacht zu haben und fuhr hastig fort, „dieser Engel...ich kenne eine Buchillustration von Heinrich von Bloy, sie zeigt einen Engel, der das Höllentor verschließt, die bittenden Hände der Verdammten...“ er verstummte, sie schien nachzudenken und sagte dann leise, wie nur zu sich:

 

„Engel? Oh, Engel! Ja, Engel ist gut!“

 

Sie schrieb mit großen Buchstaben in ihr Heft

 

ENGEL

 

Stein fühlte sich völlig hilflos. Er war aus der Abgeschlossenheit, die er hier im Café, in der letzten Nische vor den beiden Türen zur Toilette, fand, die ihm Abgeschiedenheit von allem Außen gab, weil hier nie jemand außer ihm saß, durch das Eindringen dieser Frau, das unbedacht, zufällig, ohne ihn irgendwie zu beachten, geschehen war, brutal herausgerissen. Sie hatte sich wahrscheinlich nur irgendwohin setzen wollen, wo sie ihr Heft vor sich legen, wo sie ungestört die Hände in dieser seltsamen Geste falten, an ihre Lippen drücken und nachdenken konnte. Die hingeschriebenen Worte, die er nicht zu entziffern vermochte, weil ihre Schrift so winzig war wie die Spuren eines kleinen Käfers im Sand, hatten sie wie mit einem Kokon aus Stille und Friedsamkeit umhüllt, sie befand sich jetzt einfach nur hier, saß auf der ihm gegenüberliegenden Bank und er war in seiner Abgeschiedenheit vereinsamt. Er stand abrupt auf und ging mit schnellen Schritten zum Schachzimmer.

 

Fleischhacker hob den Kopf und grinste. Er hatte seinen Gegner in eine ausweglose Situation manövriert. Der junge Ungar sog hektisch an einer dieser eigenartigen russischen Zigaretten, deren langes Pappröhrchenmundstück man zweimal eindrücken musste. Tarassower, der am

Nebentisch saß, erhob sich schnell und kam auf Stein zu.

 

„Guten Abend!“ Er streckte Stein, etwas zögernd und sichtlich verlegen, die Hand entgegen.

 

Stein ergriff sie und sagte auch „Guten Abend!“

 

„Dieser gestrige Abend“, begann Tarassower, unterbrach sich dann und machte eine wegwerfende Handbewegung, „gestern war gestern und heute ist heute, Rubinstein wird bald kommen und mich abholen. Bei meiner letzten Partie gestern war ein Herr Homolka aus Prag anwesend, Baron Rothfels kennt ihn flüchtig, ein Maschinenfabrikant, er hat uns zu einem Turnier eingeladen. Rubinstein, ich und drei tschechische Spieler, wir fahren heute noch nach Prag. Hätten Sie Lust auf eine kurze Partie?“

 

Stein nickte bejahend, sie setzten sich an den Fenstertisch und Tarassower schüttete die Schachfiguren aus der schon fleckigen Pappschachtel neben das Brett.

 

„Wenn Sie wollen, Meister, nehmen Sie Weiß!“, sagte Stein.

 

„Gut!“

 

Tarassower packte hastig mit der linken Hand zwei Bauern und einen Springer, ließ die Figuren mehr auf das Brett fallen als dass er sie hinsetzte, der Kopf des Springers wies nach hinten, er nahm die Dame, zwei weitere Bauern und einen Turm, es war die angespannte Unrast des Schachspielers vor dem ersten Zug; Stein hatte mit beiden Händen je zwei Bauern ergriffen und setzte sie langsam und mit Bedacht auf ihre Felder. Bevor er noch seine Damenseite aufgestellt hatte, zog Tarassower schon e4. Fleischhacker, der seine Partie siegreich beendet hatte, kam zufrieden lächelnd mit dem Ungarn und den beiden anderen herbei.

 

„Wetten, Stein spielt wieder ‚Das Schlossgespenst‘!“

 

Tarassower hob den Kopf und sah ihn mit gerunzelter Stirne an. Nicht, weil das bei ernsten Partien übliche Schweigen gebrochen worden war, bei lockeren Übungsspielen wurde auch von den Meistern, bei aller Konzentration, geplaudert, es wurden spitze Bemerkungen über die Qualität gegnerischer Züge gemacht, die Kiebitze durften sich durchaus manchmal auch einmischen, Varianten wurden angeboten, es wurde gelacht, witzige Einwürfe waren ebenfalls üblich, sondern weil er den Ausdruck 'Das Schlossgespenst' nicht kannte.

 

Fleischhacker wies auf das Brett, Stein hatte g6 gespielt.

 

„Na also, der Schlossturm ist schon da!“

 

Tarassower sah auf das Brett, schüttelte verärgert den Kopf und zog d4. Stein zog a tempo Läufer g7.

 

Fleischhacker kicherte.

 

„Das Gespenst heult schon!“

 

Tarassower sagte, während er c4 spielte:

 

„Dann werden wir dieses Gespenst das Gruseln lehren!“

 

Stein, hatte sich entspannt zurückgelehnt, seine Gedanken schweiften ab, Heinrich von Bloy und die Verdammten, diese seltsame junge Frau, ob sie Gedichte schrieb?, vielleicht war sie schon gegangen, bei diesen Worten erfasste ihn leise Traurigkeit, die er sich nicht zu erklären vermochte, er spielte Springer c6 und Fleischhacker rief verblüfft:

 

„Das hat er auch noch nie gespielt!“

 

„Kein Wunder!“, sagte Tarassower verächtlich, „Das ist ja beinahe schon ein Verlustzug!“

 

„Also, das ist Steins Lieblingseröffnung, die kennt er in- und auswendig! Ich habe noch nie gegen sein Schlossgespenst gewonnen.“ Er setzte, als Tarassower ihn scharf anblickte, eingeschüchtert hinzu, „Na ja, ich! Sie, Meister, werden schon die richtige Entgegnung finden.“

 

Tarassower brummte nur vor sich hin und zog den Königsspringer nach f3. „Haben Sie dieses...dieses Eröffnungskuriosum erfunden, Stein?“, fragte er dann.

 

„Ich weiß nicht“, Stein lachte plötzlich auf und sagte mit einer Selbstironie, die seine sonstige Ernsthaftigkeit durchbrach: „Aber wer außer mir wäre schon so verrückt, so etwas zu spielen!“

 

6.

 

Der alte Mann mit dem wallenden schlohweißen Bart, der von den anderen scherzhaft mit 'Herr General' angesprochen wurde, hatte gerade einen Pagat Ultimo angesagt. Stein, der hinter ihm stand, war von der perfekten Schönheit des Blattes fasziniert. Auf der linken Seite waren die Tarock nach ihrer Wertigkeit angeordnet. Zuerst der Sküs, der Kasperl, der Narr, Harlekin, Scaramouche, der sich auf seinem Hut, den er in Händen hielt, tanzen ließ und sich selbst, der wieder den Hut in der Hand hielt, nochmals tanzen ließ, und so fort bis in die Unendlichkeit einer Dimension, in der, vielleicht, groß oder klein keine Unterscheidung mehr bedeutete, und dann der Mond, Tarock einundzwanzig, eine orientalische Haremsszene, der Sultan, milde lächelnd, scherzt mit zwei hübschen Frauen, schwarzhaarig, rotlippig, Pluderhosen wie die Bosniakenfrauen, hingegossen in Kissen und darüber der Mond, der wissend und verschmitzt lächelt, Tarock zwanzig, neunzehn, siebzehn, sechzehn, fünfzehn, dreizehn, zwölf, zehn, neun, drei, Pagat, Herz König, Kreuz König, Pick Zehn. Der dem General gegenübersitzende Spieler, klein, glatzköpfig, große Ohren, immer verschmitzt lächelnd, Stein glaubte, einmal gehört zu haben, dass sein Name Buber war, Stoffgroßhändler, in der Nähe des Grabens auch noch ein Geschäft für feine Stoffe und Spitzen, betrachtete eingehend sein Blatt und murrte dann:

 

„Da kann ich nur sagen – blote, awek fan dannen, jid!“

 

Der General schüttelte den Kopf, schob seine Karten in der Hand zusammen und meinte:

 

„Er quält mich dauernd mit seiner geistigen Muttermilch. Heißt das mameloschen? Wie auch immer!“ Er wandte sich an den dritten, der vergnügt grinsend zugehört hatte, „Petrowitsch, du verdammter Tschusch aus Lemberg, kannst du mir das wie immer übersetzen?“

 

„Bawarf mich nischt mit kajn fojle ejer, Herr General, Euer Gnaden, wajl ich bin nischt kajn Tschusch aus Lemberg. Ja jestem popolski!“

 

Stein musste laut auflachen und Buber sagte:

 

„Dieser Schachspieler, der uns dauernd in die Karten schielt, hat uns verstanden. Du solltest Stunden bei ihm nehmen!“

 

Der General erhob seine Stimme zu einem caféhausunüblichen Grollen:

 

„Polak, Jud, Goj oder Tschusch! Übersetzung!“

 

Petrowitsch kicherte und zeigte auf Buber.

 

„Er hat gesagt: Dreck, weg von dannen, Jude!“

 

„No“, sagte Buber achselzuckend, „was hätte ich bei diesem Scheißblatt sonst sagen sollen. Und er, der Polak, hat gesagt: bewirf mich nicht mit faulen Eiern, ich bin kein Tschusch aus Lemberg, ich bin Pole. Und dann hat er noch Herr General und Euer Gnaden zu dir gesagt, das beweist, dass er is a typischer Depp aus einem galizischen schtejtl.“

 

„Ha, ihr beiden, ihr meine kleinen Lieblinge!“ Der General entfächerte wieder sein Blatt und blickte vergnügt hinein. „So also habt ihr euch das vorgestellt. Herr Buber will sich von dannen schleichen und Herr Petrowitsch will nicht mit faulen Eiern beworfen werden und glaubt, er kann mich mit der Verleihung von Titeln milde stimmen! Nichts da! Euer Geschick wird ein noch viel tragischeres sein! Pagat Ultimo habe ich euch schon um die Ohren geschlagen, dann habe ich auch noch die Trull und jetzt kommt erst der wahre Paukenschlag – Panzer!“

 

„Das schafft er! Verflucht, der Kerl schafft das!“, sagte Petrowitsch verbittert.

 

„Und wie auch noch!“, meinte Buber und spielte Pik König aus.

 

Der General legte Pik Zehn dazu, Petrowitsch warf wütend den Pik Neuner auf den Tisch und rief:

 

„Buber, wärest du nicht mein Freund, würde ich sagen dass du bist der bledeste Jud, den ich kenne. Sommer oder Winter, gute Geschäfte oder schlechte Geschäfte, gleichgültig was - du spielst immer das Blödeste!“

 

„Ich spiele das Blödeste," entgegnete Buber ungerührt, "aber du bist der Blödeste! Was soll ich spielen? Tempelhupfen, Murmeln, Kricket? Hab ich gespielt Pik König! Nu, bin ich ein Hellseher?“

 

Er legte den Stich neben sich, überlegte und spielte dann Kreuz Cavall. Petrowitsch schnaufte wütend auf, warf den Kreuz Siebener dazu und sagte, als der General mit dem König stach, zu Buber:

 

„Chamer!“

 

„Selber Esel! Spielst du mit ihm oder mit mir! Kannst du nicht haben den König? Du musst dich aufregen, in Lemberg haben sie das Tarockspiel auch nicht erfunden! Überhaupt, wo du aus Luboml kommst!“

 

„Wir haben wenigstens drei eigene Briefmarken! Und was habt ihr in Okop außer einem stummen Kantor und einem meschuggenen Rebben?“

 

„Ich werde dir sagen, was wir nicht haben: so einen schlechten Tarockspieler wie dich und tawke mit dir...“

 

„Meine Herrn zukünftigen Verlierer wie auch Zahler!" Der General senkte seine Stimme zu ergrimmtem Grollen, "Das hier ist ein Wiener Caféhaus und keine galizische Wodkakaschemme! Darf ich jetzt mit eurer gütigsten Erlaubnis beginnen, euch meine wunderbare Tarocklatte um die Ohren zu schlagen?“

 

Stein ging von ihnen weg und setzte sich an den Fenstertisch, an dem der Mann mit der polnischen Zeitung gesessen war. Er sah zum Fenster hinaus, die Schneiderpuppe, die sich gestern im Schneegestöber dämonisch und geheimnisvoll fremd durch magische Räume bewegt hatte, war jetzt starr, hässlich, nichts als einige ungeschickt verschlungene Stofffetzen, ein Hut mit Feder. Der Schnee in der Straße war von Spuren zerfurcht, schon schmutzig und matschig, die Gehsteige waren geräumt.

 

Natürlich hatte Tarassower als aggressiver Spieler e5 gezogen, er selbst hatte mit d5 geantwortet. Die Partie hatte ihn nicht interessiert, er hatte nur wie ein Automat gespielt, aus einem Grund, den er nicht zu durchschauen vermochte, liebte er diese Eröffnung, die Schwarz zu langwierigem Lavieren und zu erhöhter Vorsicht gegen taktische Schläge zwang, vielleicht, weil sie seinem Wesen entsprach?

 

Nach dem siebzehnten Zug war Rubinstein mit einem kleinen Mann, der einen feinen Stoffmantel mit Biberpelzkragen getragen hatte, hereingekommen, hatte geknurrt: 'Nur Remis, Tara!', Tarassower, der zuerst nur wie beiläufig gespielt hatte, sich ab dem zehnten Zug aber konzentriert hatte, hatte sich entschuldigt, weil er gehen müsse und als sie gegangen waren, hatte Fleischhacker leise, so als ob er immer noch befürchten würde, dass ihn einer der Meister hören könnte, gesagt: ‚Gut gemacht, Stein, gut gemacht! Das Schlossgespenst hat auch den Tatarensturm überlebt!‘, als das Wort ‚Schlossgespenst‘ durch seine Gedanken huschte, schrak er aus diesem träge, wie einschläfernd dahingleitenden Mosaik aus flachen Bildern, murmelnden Wortkombinationen, vage sich selbst befragenden Gefühlen auf, er versank immer wieder in eine freiwillige, gewollte und oft herbeigesehnte Selbstaufgabe, denn die andere Flucht aus der Wirklichkeit, Schach, war der noch viel quälendere Selbstbetrug, die vordergründige, wenn auch absolute Betäubung durch den eiskalten Rausch des logischen Denkens, des reinen Denkens, das als einzige existente Welt nur seine Spielregeln und deren Handhabung durch das Gehirn anerkannte, daneben gab es weder ihn selbst, noch seinen Atem, einen anderen Gedanken, weder Schmerz oder diesen einen Engel, keine bittenden Frauen, so dass er nichts als ein Zombie war, rasendes Gehirn, vollgefüllt mit schwarzen und weißen Figuren, gestern, als er die Gewinnkombination erkannt hatte, ohne nachzudenken, gleichsam so, als ob die Stellung tief in ihn abgesunken wäre, dabei hätte sie vielleicht zuerst sehr sanft seine Augen durchwandert, hätte dahinter erheitert mit einer Erinnerung an Fliedergeruch geplaudert, hätte sich umgesehen, wo sie eigentlich wäre, hätte dann höflich eine vorbeihuschende Erinnerung an im Abendrot dahinziehende Wolken nach der Schachecke gefragt, er stand abrupt auf, blote, awek fan dannen, aber weg hieße auch nur im Irgendwo anzukommen, wo sich nichts geändert hatte, lediglich die Kulissen waren anders gestellt, sein Auftritt war von rechts, nicht von links, aber sein Monolog folgte immer noch demselben Text, und wieder awek fan dannen und wieder mecht Scho sea bittn eua Gnodn, und wen könnte er bitten? aber vielleicht sollte er seine Bitte auch auf einen zerknitterten Zettel schreiben, so wie Kinder ihre Wünsche vor Weihnachten auf einen Zettel schreiben und ins Fenster legen, damit das Christkind ihn liest, Weihnachten kommt...übermorgen?

 

was wünsche ich mir überhaupt?

 

Als er zu seinem Tisch kam, hatte sie sich zurückgelehnt, ihr Profil sank in die Tiefe des Spiegels, verharrte über dem gegenüberliegenden Tisch, an dem noch niemand saß, glitt durch das Glas der Scheibe und schwebte als heller Scherenschnitt im Rahmen des Kellerfensters auf der anderen Straßenseite. Als er vor seinem Platz stand, zögerte und auf sie hinuntersah, hob sie ihren Blick, das Braun kehrte in die Iris ihrer Augen zurück, das Profil war in das Fenster, in das Glas der Scheibe, in den Spiegel zurückgekehrt, er setzte sich zögernd, das Blatt Papier war von den feinen Spuren ihrer kleinen Schrift überzogen, er griff zögernd nach seinem schon kalten Kaffee, den er vorhin bei seinem überhasteten Weggehen ungetrunken stehengelassen hatte, sie hob ihre Hände, die sie neben dem Papier auf die Marmorplatte des Tisches gelegt hatte, in einer langsamen Bewegung, die in der verschlungenen Fingerstellung vor ihrem Schreibbeginn endete. Diesmal empfand er diese im Verharren befangene Geste als zärtlich, unbewusst und absichtslos gezeigt. Dennoch hatte er, obwohl er an seinem Stammplatz saß, das Gefühl, der Eindringling in eine abgeschlossene Welt zu sein, die sich gegen jegliches Außen abschirmen wollte. Diese Abwehr geschah unaggressiv, unabsichtlich, vielleicht aus dem instinktiven Bewusstsein der Verletzlichkeit heraus, er bemerkte, dass er noch immer die Hand nach der Kaffeetasse ausgestreckt hatte, kam sich lächerlich vor, sie ließ die Hände in ihren Schoß sinken und sagte zögernd:

 

„Ich muss mich entschuldigen, Herr Stein“, als sie sein Erstaunen bemerkte, lächelte sie, „ich habe Joschi nach Ihrem Namen gefragt, ich bin sonst nicht so unhöflich, mich einfach, ohne zu fragen, an einen Tisch zu setzen. Überhaupt zu einem fremden Mann“, sie stockte befangen, ihr Gesicht zeigte für den Anhauch eines Augenblickes eine äffchenhafte Kindergrimasse, dann lächelte sie wieder offen und unbeschwert, „fremd oder nicht, es war unhöflich, überhaupt, wo das ja Ihr Stammplatz ist und nicht meiner, ich ...“

 

Stein hob abwehrend die Hände.

 

"Ich bitte Sie, es ist ja nichts geschehen. Das hier ist nur ein Caféhaus, kein Ballsaal der feinen Gesellschaft. Hier herinnen sind wir alle gleich. Außerdem hatte ich ja die Freiheit wegzugehen, um den Schachspielern zuzusehen und selbst zu spielen." Er erschrak und setzte hinzu "Oh, jetzt war wohl ich unhöflich! Es war nicht so gemeint, ich wollte nur nicht weiter stören, Sie wirkten bei Ihrer Arbeit sehr konzentriert."

 

„Arbeit? Arbeit! Schreiben ist viel mehr, oder auch viel weniger.“

 

Sie schwieg, runzelte die Stirne, griff ziellos nach dem Bleistift, ließ ihn wieder los und fuhr dann erheitert fort. „Ich schreibe Gedichte, Lyriker sind in ihren Gedanken nicht so schrecklich logisch wie Schachspieler.“

 

Stein lachte auf.

 

„Wenn Sie wüssten, wie unlogisch manche Schachspieler sind. Zum Glück, sonst würde ich nie eine Partie gewinnen.“

 

Joschi trat an ihren Tisch und neigte sich der jungen Frau leicht zu.

 

„Belieben Gnädigste jetzt zu bestellen?“

 

„Oh ja, Joschi, ja, aber was? Ich...ein Glas Wasser bitte.“

 

Joschi verzog keine Miene.

 

„Ein Glas Wasser, wie befehlen! Ein Glas Wasser! Ich eile!“

 

Sie hob das Blatt Papier unentschlossen hoch, legte es wieder auf die Tischplatte und sagte dann: „Ich bin immer, wenn ich ein Gedicht fertiggeschrieben habe, traurig. Und irgendwie fremd in...dort wo ich bin, Sie müssen verstehen, ein Gedicht ist etwas nur aus mir, aber es besteht auch aus all dem, was ich weiß, aber ich weiß nichts ohne...ohne," sie kicherte gepresst, wie verlegen, atmete tief ein und lachte dann befreit auf, "ich bin nichts ohne dieses Pferd, das gerade jetzt da draußen vor dem Fenster die Kutsche vorbeizieht," Stein wandte den Kopf, am Nebentisch saß jetzt eine ältere Frau, die einen großen, schwarzen Hut mit breiter Krempe trug, drei Fasanenfedern ragten über die gerade im Fensterrahmen verschwindende Kruppe des Pferdes, stachen dann in das Kutschenfenster und standen wieder nur hässlich und geschmacklos vom Hut weg. Die Lächerlichkeit dieses Ablaufes erheiterte ihn und er sagte spontan:

 

„Dann sind Sie ja auch nichts ohne mich!“

 

Sie erstarrte, sah ihn zornig an und ballte die Hände zu Fäusten.

 

„Sie haben recht, das gebührt mir! Ich war unhöflich, verwickle jeden Fremden in Gespräche, die ihn nicht interessieren, mache dumme Bemerkungen über Zusammenhänge...über Gedichte...“, sie versuchte sich zu beruhigen, „Sie verzeihen, ich werde Sie auch nie wieder belästigen!“

 

Sie erhob sich, ihre linke Hand lag noch auf der Marmorplatte, Stein legte impulsiv die Fingerspitzen seiner rechten Hand auf ihren Handrücken, zog die Hand erschrocken zurück und sagte stotternd:

 

„Ich bitte Sie, ich...ich wollte Sie nicht beleidigen, aber...Sie haben gesagt, Sie seien nichts ohne dieses Pferd, ich habe Sie schon verstanden, aber ich habe von diesem Pferd nur mehr das Hinterteil gesehen und dann...und dann diese lächerlichen Federn...“

 

Sie sagte, noch immer im Stehen, plötzlich belustigt:

 

„Diese Federn sind wirklich lächerlich!" sie setzte sich, zögerte und streckte Stein dann ihre rechte Hand entgegen, "Ich heiße Laska, Elise Laska.“

 

Er nahm vorsichtig ihre Hand, drückte kaum merklich zu und ließ sie schnell wieder los. Er fühlte sich erleichtert und glücklich, denn übergangslos empfand er keine Trennung mehr in irgendwelche möglichen Welten, von denen eine nur seine eigene war, eine andere ihr Eigen und so fort bis zu einer Dimension nur für Schachspieler und dann, der Gedanke erheiterte ihn, eine Dimension, in der sich alle diejenigen trafen, die irgendwann einmal 'blote, awek fan dannen!' gesagt hatten.

 

„Sind Sie ein guter Schachspieler?“

 

„Oh“, er schrak aus seinen Gedanken hoch, Joschi stellte, gleichsam im Vorbeihuschen, ein Glas Wasser vor sie, „ich weiß es nicht so recht, eigentlich nicht, gestern, da habe ich etwas gesehen, eine Kombination, aber das war ein Zufall. Ich spiele gerne, aber nicht sonderlich gut. Und Sie, dichten Sie gut?“

 

Sie schob verärgert ihre Augenbrauen zusammen.

 

„So etwas fragt man einen Dichter nicht!“

 

„Sie müssen entschuldigen, ich kenne zwar viele Schachspieler, aber Sie sind die erste Dichterin, mit der ich mich unterhalte.“

 

„Ich bin keine Dichterin!“, sagte sie ungehalten.

 

„Ich dachte…“

 

„Ach, nur weil ich das da geschrieben habe?“ Als er verwirrt schwieg, sagte sie achselzuckend: „Ich weiß, es ist nicht leicht mit mir. Ja, ich denke, es ist ganz gut geworden. Es muss noch überarbeitet werden. Wollen Sie es hören?“

 

„Ja, bitte, gerne, aber...“

 

Er schwieg. Wenn er gesagt hätte, dass ihm noch nie ein Gedicht vom Dichter selbst vorgelesen worden war, dass er Gedichte nicht mochte, die Reimklingelei schien ihm die deutsche Sprache zu vergewaltigen, aber vielleicht verstand er Lyrik nur nicht, es wäre lächerlich gewesen, oder er hätte sie verletzt. Sie hatte das 'aber' sichtlich überhört, nahm das Blatt, legte es vor sich, rückte es hin und her und trank dann einen Schluck Wasser. Sie sah ihn kurz an und begann zu lesen:

 

„Er rief, das ist der Titel. Also

 

Er rief

 

Ertrunken im Gestein,

dem Säulengespinst gestrandeter Zeiten,

 

in den modrigen Schrunden

der in Unbefragtheit vermorschten Gestirne

 

und der Wächter fragte

 

wer bist du?

 

ich sagte

 

ich war versunken

 

niemandes Kind

 

ich war

niemandes Kind

 

er rief

 

und Niemandes Kind

blieb taub

 

wer bist du?

 

der Wächter fragte

 

und das Gestein entrann

seinen blinden Augen

 

Niemandes Kind

 

Niemandes Kind

 

woher kommst du?

 

Ertrunken

 

und Niemandes Kind

 

war ertrunken"

 

Sie hielt das Blatt Papier immer noch in den Händen, hatte den Blick gesenkt, so als ob sie sich schämen würde, legte das Blatt dann auf den Tisch und sah ihm direkt in die Augen. Stein war verwirrt, er hatte sich schon nach ihren ersten Worten über ihre Stimme gewundert, die zu einer kleinen, sehr zierlichen Frau nicht zu passen schien. Sie sprach nicht so hoch, wie Frauen fast immer sprachen, es klang eher wie eine tiefere Knabenstimme. Sie hatte sehr leise vorgelesen, hatte den Blick nie gehoben, es hatte jedes Pathos gefehlt, es war so, als ob sie nur sich selbst vorlesen würde, so als ob es nicht ihre Absicht gewesen wäre, jemanden anderen zuhören zu lassen. Dadurch war eine unaufdringliche Direktheit, ja beinahe Intimität, entstanden, die ihn gefangengenommen hatte. Er war hilflos, denn jetzt schien sie etwas von ihm zu erwarten, ein Urteil, vielleicht nur irgendeine anerkennende, wenn auch belanglose Bemerkung, vielleicht war ihr Anerkennung auch gleichgültig, wenn er nur wüsste was er sagen sollte, bei einer Schachpartie waren die Kriterien einfach zu durchschauen, für jeden Spieler und Zuseher klar erkennbar, weil unveränderbar durch die Regeln und die Stellung erzwungen, lediglich die Variantenverzweigungen ließen Individualität zu, aber hier?

 

„Und der Wächter fragte: wer bist du?“, murmelte er vor sich hin, ohne sie zu beachten.

 

„Sie haben wenigstens zugehört“, sagte sie mit einem vorsichtigen Lächeln.

 

„Oh ja, doch, Sie haben sehr...eindringlich gelesen.“

 

„Das ist alles, was Ihnen aufgefallen ist?“, fragte sie verärgert.

 

„War ich zu mehr verpflichtet?“

 

Er verstand seine Reaktion selbst nicht. Er hatte sich bisher immer, wenn er mit Aggression konfrontiert war, zurückgezogen. Er hatte meist die Schuld bei sich selbst gesucht, weil er unvorsichtig gewesen war, unaufmerksam, den Anderen dadurch vielleicht verletzt hatte. Aber jetzt hatte er übergangslos Zorn empfunden und hatte diesem Gefühl freien Lauf gelassen, ohne zuerst nachzudenken, ob er sie dadurch nicht kränken oder beleidigen würde. Sie hatte ihn verletzt, er war durch dieses Gedicht bewegt worden, er konnte es nur nicht in Worte fassen, er wollte es gar nicht, weil er für einige Augenblicke im Gefühl völliger Hingabe glücklich gewesen war, so wie gestern, als diese Stellung der Figuren nur ihm ihre ganze Schönheit dargeboten hatte, ebenfalls nur für Augenblicke, aber war jemals mehr möglich? zwischen Turm e8 nach h8 und wer bist du, Niemandes Kind?

 

„Nein“, sagte sie und blickte ihm offen in die Augen, „nein, das waren Sie nicht.“

 

Er war verwundert, weil sie gelassen, beinahe erheitert wirkte.

 

„Es...“, begann er.

 

„Herr Stein“, jetzt war sie wirklich erheitert, „sollte Ihnen der Reim gefehlt haben? So in etwa wie: Der Frühling schickt sein Blumengewinde, der Freude heiteres Gesinde. Gänseblümchen, Krokus und Rosen, um meine wintermüden Augen zu liebkosen. Oder, ja, da war doch Ihr Engel, also: Ein Engel, in Trauer und Blau verharrt, der Sonnenumlauf blutig entsinkt, vom Turm die letzte Glocke verklingt, meine Liebe ist in Sehnsucht erstarrt, hat Ihnen etwas in dieser Art gefehlt?“

 

„Sie machen sich über mich lustig!“

 

Er spürte, dass er sein Gesicht zu einem schiefen Grinsen verzog. Er war verwirrt, eigentlich völlig desorientiert,  weil seine eigenen Empfindungen plötzlich übergangslos wie Aprilwetter wechselten, er reagierte nie so übergangslos von einer Stimmung in die andere fallend, seine Gefühle kamen langsam, vertieften sich und hielten an, so als ob sie sich selbst erst erfahren müssten. Sie hingegen hüpfte wie ein spielendes Kind von Heiterkeit zu Verärgerung, von Verspieltheit zu Ernsthaftigkeit, er fand sich nicht zurecht, aber seltsamerweise war es ihm plötzlich gleichgültig, ja, er genoss es sogar.

 

„Nein, das tue ich nicht“, sagte sie ruhig, „ich meine es ernst. Ohne Reim kein Gedicht! Das ist heute ein ehernes Gesetz. Aber ich halte nicht viel von ehernen Gesetzen!“

 

"Würden Sie es mir noch einmal vorlesen?" fragte er leise.

 

Sie schüttelte den Kopf, griff nach dem Wasserglas und lächelte ihn dann an.

 

„Ja“, sie sagte es zögernd und gedehnt, dann nahm sie das Blatt Papier,

 

„Er rief....